Scheinwelt – Ausstellung bei greskewitz | kleinitz | galerie in Hamburg

November 13th, 2017

Ich freue mich sehr über die aktuelle Ausstellung bis 20. Dezember zusammen mit David Lehmann in Hamburg!
So präsentiert die greskewitz | kleinitz | galerie in Hamburg einige meiner neuen großformatigen Arbeiten in ihren schönen Räumen.

In der Zweier-Gruppenausstellung geht es um Scheinwelten. Kritisch, nachdenklich, humorvoll und immer wieder überraschend sind die zu sehenden Werke.


Zur Eröffnung der Ausstellung am Freitag, den 10.11.2017 von 18.30 Uhr bis 21.30 Uhr, sprach die Kunsthistorikerin Anne Simone Krüger einführende Worte:
Scheinwelt – Peer Kriesel und David Lehmann

„„Wie ist alles so wahr daß sich nicht leicht jemand gegen sein Zeitalter retten kann!“ notiert Johann Wolfgang Goethe 1825 in einem Brief an seinen langjährigen Freund, den Komponisten Carl Friedrich Zelter. Und weiter konstatiert er: „Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen; Reichthum und Schnelligkeit ist was die Welt bewundert und wonach jeder strebt [...]“. Knapp zwei Jahrhunderte später ist Goethe aktuell wie nie. Der schöne Schein, der Anschein von Ruhm und Modernität, ist über sich selbst hinausgewachsen. Aus dem gesellschaftlichen Schein, dem Statusstreben und der Faszination für den Fortschritt, ist eine regelrechte Scheinwelt geworden. Digitalisierung, Fake News, ungebremste Datenströme und Nachrichtenfluten – auch 200 Jahre nach Goethe können wir uns unseres Zeitalters nicht erwehren. Was ist scheinbar wahr und was wahrt nur den Schein?

Die Künstler Peer Kriesel und David Lehmann spüren in ihren Bildern auf ganz unterschiedliche, jedoch jeweils eindringliche Art und Weise den Scheinwelten nach, die uns umgeben und zunehmend Teil unserer Realität werden. Kritisch, nachdenklich, humorvoll und immer wieder überraschend sind ihre Werke, die vor Augen führen, dass junge Künstler sich aktuell vom Hype des Formalismus und der Kunst des Hochglanz-Effekts abwenden und im Gegenzug Arbeiten mit sozialem Tiefgang schaffen.

Eine Explosion von Figuren, die aus der Tiefe an die Bildoberfläche zu drängen scheinen, charakterisiert viele der Arbeiten von Peer Kriesel, der 1979 in Berlin geboren wurde. Menschen, Fratzen, Phantasiewesen – die Charaktere der Bilder sind vielfältig, die Arbeiten selbst hochkomplex. In einer Welt, deren Informationsfluss immer schneller wird, stellen diese Arbeiten einen Gegenpol dar. Denn sie fordern Zeit, um den Detailreichtum visuell zu erfassen. „Wimmelbilder“ nennt der Künstler diese Arbeiten, deren Spiel mit dem Überangebot an optischen Reizen unsere alltägliche Umwelt auf abstrahierte Weise widerspiegelt. Was sich in diesen Bildern ebenfalls niederschlägt ist die Kontingenz, also die Zufälligkeit der Informationen, die uns erreichen. Nie weiß der Künstler im Vorfeld, was auf seinen Bildern passieren wird. Er lässt Farbe über die Leinwand fließen oder klecksen und bearbeitet dann die Strukturen, die aus der Farbe entstehen. Damit begibt er sich weit zurück in die Geschichte der Malerei. So berichtet Leonardo da Vinci über Botticelli, einen Maler der frühen Renaissance, dass dieser einen mit verschiedenen Farben vollgesogenen Schwamm gegen die Wand warf, um die dadurch entstandenen Flecken als Inspirationsquelle zu nutzen. Das Unterbewusste wird so Teil des Bildes, Imagination und Phantasie wesentliche Aspekte. Und dennoch haben die Figuren einen Realitätsbezug, der sich darin begründet, dass sich das Unterbewusste gleichfalls aus alltäglichen Erlebnissen, aus im Vorbeigehen aufgeschnappten Informationen, aus Nachrichtenfetzen zusammenspinnt. Es fängt auf, was wir Aufnehmen ohne es Wahrzunehmen. Damit ist es gerade in Zeiten einer medialen Scheinwelt, die uns stetig umwabert, vermutlich reichhaltiger und mit Input überfrachteter, als Sigmund Freud dies jemals für möglich gehalten hätte.

Eine noch konkretere Verknüpfung mit dem Alltag liefern die Übermalungen von Peer Kriesel. Doch geht es auch hier um den Anschein, den die Dinge erwecken. Alte Fahrkarten, Eintrittskarten, Einladungen und dergleichen, werden mit filigranen Figurengebilden übermalt. Jedes der Objekte erzählt eine Geschichte, die durch die Übermalungen um weitere Elemente ergänzt und erweitert wird. Und uns als Rezipienten im Unklaren lässt, ob der Künstler hier frei fabuliert oder es seine Erlebnisse zum jeweiligen Ereignis sind, die er uns auf diese Weise veranschaulicht.

Dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie scheinen, dass „beim Übereinanderlegen mehrerer Wahrheiten, Realitäten und Fiktionen variable, assoziative Strukturen entstehen, die durchaus zur Bewusstwerdung einer neuen Wahrheit im Beziehungsgeflecht Mensch und Umwelt beitragen können“ ist auch Thema der Arbeiten von David Lehmann. Der Meisterschüler von Valérie Favre, an der Universität der Künste in Berlin, hatte bereits 2015 einen Gastauftritt in Hamburg. Damals wie heute, sind es nicht nur seine Themen, die insofern überraschen, als sie bei dem 1987 in Luckau geborenen Künstler ein enormes philosophisches Fundament vermuten lassen, sondern vor allem auch die Materialien. Auf den ersten Blick scheinen wir es mit klassischer Malerei zu tun zu haben, die sich selbstbewusst zwischen Figuration und Abstraktion platziert und mit expressiven Farbflächen arbeitet, aus denen sich deformierte und dennoch kraftvolle Figuren herausschälen. Bei genauerer Betrachtung und unter Rückgriff auf die Bildbeschreibungen, offenbart sich schnell, dass in Lehmanns Malerei auf Materialebene wenig so ist, wie es scheint. Harz, Dispersion, Kupferoxidation, Blattgold, Asphaltlack, Tusche, Gouache, Acryl, Eitempera, Öl und Filzstift – nicht alle diese Materialien würde man unbedingt und sofort mit Malerei verbinden... Und wieder einmal erwischen wir uns dabei, dass unsere Erwartungen unser Sehen maßgeblich beeinflussen und wir uns immer wieder durch den Schein täuschen lassen.

Interessant ist, dass auch David Lehmann die Komposition vieler seiner Bilder spontan beginnt und aus dem Unbewussten schöpft. Auch er geht bei vielen seiner Arbeiten von der reinen Farbe aus und kommt dabei zu ganz anderen ästhetischen Ergebnissen, als Peer Kriesel. Ähnlich ist jedoch das seismographische Gespür für gesellschaftliche Problemzonen und das Bedürfnis, sich im Erfahrungsraum der Kunst damit auseinanderzusetzen. Bildtitel wie Parzival Jr., LSD (nie wieder!), Plagiat oder Vertigo, um nur einige zu nennen, lassen ahnen, dass die Bilder von David Lehmann es im wahrsten Sinne des Wortes ‚in sich haben’. Sie rühren an Geschichte und Kultur und öffnen Diskurse um gesellschaftliche Verantwortung und philosophische Grundfragen.

Wir können uns nicht gegen unser Zeitalter wehren, in diesem Punkt ist Goethe bis zu einem gewissen Punkt Recht zu geben. Aber wir können dazu übergehen, uns nicht vom Schein blenden zu lassen und stattdessen kritische Fragen zu stellen. So wie die Bilder dieser Ausstellung. Bevor ich Ihnen nun einen schönen Abend wünsche noch zwei kleine Randbemerkungen: vielleicht kommen Ihnen die Arbeiten von Peer Kriesel bekannt vor. Das könnte daran liegen, dass er im vergangenen Jahr in Hamburg auf der Affordable Art Fair gezeigt wurde. Auch in Berlin ist er regelmäßig mit Ausstellungen vertreten. David Lehmann hat der eine oder andere eventuell 2015 in Hamburg beim salondergegenwart gesehen. Sonst liest sich seine Ausstellungsliste eher international. Erstaunlich umfangreich ist auch die Aufzählung der Preise und Stipendien, die der heute in Cottbus lebende Künstler seit seinem Studienabschluss 2014 erhalten hat.
Jetzt wünsche ich Ihnen einen schönen Abend und viel Spaß beim Entdecken der Ausstellung!“

Anne Simone Krüger, Kunsthistorikerin M.A.

Scheinwelt
Ausstellung: 11. November bis 20. Dezember 2017
Vernissage: Freitag, 10.11.2017

greskewitz | kleinitz | galerie
Erdmannstraße 14
22765 Hamburg

Öffnungszeiten der Galerie:
Donnerstag & Freitag | 16.00 Uhr bis 18.00 Uhr
Samstag | 12.00 Uhr bis 16.00 Uhr
und natürlich nach Vereinbarung