Über das Zeichnen im Zustand des Nicht-Denkens – und was das mit KI zu tun hat
Diesen Sommer war ich am Meer, in einem Haus mit einer alten Holzterrasse, deren Dielen von der Zeit gezeichnet waren. Jahrzehnte von Sonne, Salz und Wind hatten Maserungen hinterlassen, die mich sofort faszinierten. Ich hatte Papier und Graphit dabei und begann, die Strukturen abzureiben – Frottage, wie Max Ernst es nannte. Ich legte das Blatt auf, rieb mit dem Stift darüber, verschob das Papier, rieb wieder. Manchmal verrutschte das Blatt, manchmal drückte ich zu fest oder zu schwach. Und genau aus diesen Zufällen, aus diesen kleinen Fehlern, entstanden Figuren, die ich nie hätte konzipieren können. Gestalten, die sich aus den Überlagerungen der Maserungen ergaben, aus dem Zusammenspiel von Absicht und Kontrollverlust.

Es gibt diesen Moment, in dem der Stift anfängt, von selbst zu laufen. Nicht sofort, nicht in den ersten Minuten. Aber nach einer Weile, wenn die Hand warm ist und der Kopf aufhört, Fragen zu stellen. Wenn das Papier nicht mehr leer ist, sondern schon ein paar Linien trägt, die noch nichts bedeuten müssen. Dann kippt etwas. Die Kontrolle weicht, die Figuren kommen von selbst. Verschrobene Gestalten, Fratzen mit zu vielen Augen oder zu wenigen Mündern, Körper, die sich nicht an anatomische Regeln halten. Sie entstehen nicht, weil ich sie plane, sondern weil ich aufhöre zu planen.
Dieser Zustand erinnert mich an Meditation. Nicht die Art, bei der man stillsitzt und den Atem zählt, sondern die andere: die, bei der man sich in einer Tätigkeit verliert. Wo die Zeit aufhört, linear zu sein, und der Kopf endlich Ruhe gibt. Wo das Denken nicht mehr steuert, sondern nur noch beobachtet. Manche nennen das Flow – dieser Zustand, in dem die freie Arbeit, das freie Zeichnen ohne Gedanken und Konzept, zur Automatisierung wird. Wo die Hand weiß, was sie tut, ohne dass der Kopf eingreifen muss. Die Surrealisten nannten das den Automatismus. André Breton schrieb vom „psychischen Automatismus“, bei dem das Unbewusste die Feder führt. Max Ernst rieb mit Bleistift über Holzmaserungen und ließ aus den Strukturen Welten entstehen, die er selbst nicht vorhergesehen hatte. Hans Bellmer zerschnitt und rekombinierte Körper, bis sie zu etwas Neuem wurden, das weder Mensch noch Puppe war, sondern etwas dazwischen.

Frottagen, Peer Kriesel, 2026
Ich habe mich lange gefragt, warum mich diese Methoden so faszinieren. Warum ich immer wieder zu diesem Zustand zurückkehre, in dem ich nicht mehr weiß, was als Nächstes kommt. Vielleicht, weil es der einzige Ort ist, an dem wirklich etwas Neues entstehen kann. Wo die Bilder nicht aus dem Kopf kommen, sondern aus einer Schicht darunter. Aus einem Raum, der sich nicht erklären lässt, aber trotzdem da ist.
Und dann kam die KI.
Anfang der 2020er Jahre, als die ersten Bildgeneratoren aufkamen, waren die Ergebnisse oft seltsam. Nicht perfekt, nicht glatt, nicht das, was man eingegeben hatte. Hände mit zu vielen Fingern, Gesichter, die sich auflösten, Körper, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie menschlich oder architektonisch sein wollten. Die Systeme waren noch nicht ausgereift, die Trainingsdaten unvollständig, die Modelle an ihren Grenzen. Und genau deshalb produzierten sie Bilder, die mich sofort an die Surrealisten erinnerten. An Bellmers fragmentierte Puppen, an Ernsts Frottagen, an die automatischen Zeichnungen, die aus dem Nichts kamen.

Autovervollständigung in Photoshop, 2023
Ich begann, darüber nachzudenken, ob das Zufall war. Ob es nur eine oberflächliche Ähnlichkeit war, eine formale Parallele ohne tieferen Zusammenhang. Oder ob da etwas Strukturelles passierte. Etwas, das über die reine Ästhetik hinausging.

Autovervollständigung in Photoshop, 2023
Die KI weiß nicht, was ein Bild bedeutet. Sie rechnet Wahrscheinlichkeiten aus, basierend auf Millionen von Bildern, die sie gesehen hat. Sie hat kein Bewusstsein, keine Intention, keinen Körper. Aber sie hat etwas anderes: ein riesiges, akkumuliertes kulturelles Gedächtnis, aus dem sie schöpft, ohne zu verstehen, was sie tut. Und wenn man ihr einen vagen Prompt gibt, wenn man sie an ihre Grenzen treibt, wenn man sie mit Widersprüchen füttert, dann produziert sie Bilder, die niemand so intendiert hat. Bilder, die aus dem Nicht-Wissen entstehen.
Der Theoretiker Matteo Pasquinelli (Associate Professor in Philosophy of Science at the Department of Philosophy and Cultural Heritage of Ca’ Foscari University in Venice) hat dafür den Begriff des statistischen Unbewussten geprägt. Nicht, weil die KI ein Unbewusstes hätte, wie wir es haben. Sondern weil sie an einer ähnlichen Stelle operiert. An der Grenze zwischen Wissen und Nicht-Wissen, zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Genau wie ich, wenn ich zeichne und der meditative Zustand eintritt. Genau wie die Surrealisten, wenn sie den Zufall als Methode einsetzten.
Es gibt eine Struktur, die alle drei Felder verbindet. Einen vagen Ausgangspunkt. Eine Störung, die nicht vollständig kontrollierbar ist. Und ein Ergebnis, das überrascht. Bei mir ist der Ausgangspunkt das leere Blatt, die Störung ist der Körper, der Zufall, das Unbewusste. Bei den Surrealisten war es der Fleck, die Maserung, die Traumlogik. Bei der KI ist es der Prompt, die Trainingsdaten, die Modellgrenzen.
Und in allen drei Fällen entsteht etwas, das vorher nicht da war. Etwas, das sich nicht vollständig erklären lässt, aber trotzdem funktioniert. Entscheidend ist: Jedes Mal entsteht etwas anderes. Wiederhole ich den Vorgang, kommt ein neues Ergebnis heraus. Das Ergebnis ist immer abhängig von dem, der ausführt – von meinem Zustand, meinem Wissen, meinen Erfahrungen, von der Tagesform, der Stimmung, dem Moment. Und die KI von den Trainingsdaten der KI.
Aber gibt es überhaupt den reinen Zufall als Ausgangspunkt? Gibt es die reine Entkoppelung von allem Wissen, allen Gedanken, allen Einflüssen?






Ich habe neulich ein Experiment gemacht. In Photoshop, mit der KI-Funktion Firefly, habe ich auf einer weißen Fläche „Generative Füllung“ aktiviert und als Prompt nur einen Punkt eingegeben. Einen einzigen Punkt: „.“ Beim ersten Versuch erschien eine Eule. Beim zweiten eine Schale. Beim dritten eine verlassen wirkende Großstadt im malerischen Stil. Ich wählte einen Bereich in der Stadtlandschaft aus und gab erneut nur einen Punkt ein. Es erschienen Variationen: ein Kleinbus, ein Pavillon und eine Art Tempel.
Warum eine Eule? Warum eine Schale? Warum eine Stadt? Woher kommen die Motive?
Ist das Zufall?
Wiederholte ich den Vorgang in einer neuen Datei, kamen wieder andere Ergebnisse heraus.






Oder ist es das, was die KI aus ihren Trainingsdaten als „wahrscheinlich“ errechnet hat, wenn kein Kontext gegeben ist? Und was passiert, wenn eine Störung hinzukommt – wie die Stadtlandschaft, die plötzlich den Kontext verändert und neue Wahrscheinlichkeiten erzeugt? Ob der generierte Vogel aus dem Punkt ein Zufall ist, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass er nicht aus dem Nichts kommt.
Ich denke auch an Dada. An die Absurdität, die entsteht, wenn man aufhört, nach Sinn zu suchen. Wenn man Dinge zusammenbringt, die nicht zusammengehören, und schaut, was passiert. Die Dadaisten zerschnitten Zeitungen und setzten sie neu zusammen. Sie ließen den Zufall entscheiden, was als Nächstes kam. Sie vertrauten darauf, dass aus dem Chaos etwas Neues entstehen würde. Nicht trotz der Sinnlosigkeit, sondern wegen ihr.
Meine Fratzen funktionieren ähnlich. Zwar ist der sinnhafte Zusammenhang nicht auf den ersten Blick zu erkennen und es wird keine klare lineare Geschichte erzählt, doch stehen die Figuren und Fratzen in einem – vielleicht absurden – Zusammenhang zueinander. Sie bilden dadurch eine absurde Existenz, die sich der Logik entzieht, aber trotzdem eine eigene innere Kohärenz hat. Sie sind das, was übrig bleibt, wenn man aufhört, alles verstehen zu wollen.

Jetzt am Druecker, 29,7cm x 21cm, 2026
Aber ist das, was die KI macht, wirklich ein kreativer Moment? Oder macht sie hier – wie in Photoshop – drei Vorschläge, aus denen der Nutzer kuratiert? Wird die Auswahl dem Modell, dem System, als Feedback zurückgespielt? Und wenn ja: Wird es dann auf kurz oder lang nur noch eine Vereinheitlichung geben? Eine Angleichung, eine Konvergenz auf das, was am häufigsten ausgewählt wird? Die perfekte Farbe Rot, die perfekte Komposition, das perfekte Gesicht? Oder bleibt da Raum für das Unerwartete, für den Fehler, für die Halluzination?
Ich frage mich, ob wir gerade an einem Punkt stehen, an dem sich das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine neu definiert. Nicht, weil die Maschinen intelligenter werden, sondern weil sie uns zeigen, wie viel von unserem eigenen kreativen Prozess wir nicht verstehen. Wie viel davon im Dunkeln passiert, in einem Raum, den wir nicht betreten können, sondern nur beobachten. Woraus entsteht Kreation überhaupt? Was holen wir aus dem Unbewussten hervor, wenn wir zeichnen, schreiben, komponieren? Und wie wichtig ist genau das – dieses Nicht-Wissen, dieses Nicht-Kontrollieren – für eine echte Kreation?
Wo liegen die Gemeinsamkeiten, wo die Unterschiede zwischen der zufälligen Generierung von Bildern durch KI – ohne Bewusstsein – und durch das menschliche Bewusstsein? Kann man überhaupt von „Schöpfung aus dem Unterbewusstsein“ reden, wenn die KI gar kein Bewusstsein hat, sondern nur Trainingsdaten als eine Art statistisches Wissen? Der Mensch bringt Emotionen mit ein, Freude und Ängste, mentale Erfahrungen, ein sehr individuelles und begrenztes Wissen. Die KI hat das nicht. Sie hat nur Muster, Wahrscheinlichkeiten, Daten.
Und trotzdem: Wenn ich zeichne, wenn ich die Hand laufen lasse, bis der Zustand eintritt, dann schaue ich zu, wie die Figuren entstehen, ohne dass ich genau weiß, woher sie kommen. Und manchmal, wenn ich ein KI-Bild sehe, das mich überrascht, dann denke ich: Da ist etwas, das auch nicht weiß, was es tut. Aber ist das dasselbe? Oder ist es etwas grundlegend anderes – eine Simulation von Kreativität, die nur so aussieht wie das Echte, aber keine Seele hat, keine Angst, keine Freude, keinen Körper?
Vielleicht ist die Frage nicht, ob die KI kreativ ist. Vielleicht ist die Frage, was uns die KI über uns selbst zeigt. Über das, was wir für Kreativität halten. Über das, was aus dem Nicht-Wissen kommt. Aus dem Zufall, aus dem Unbewussten, aus dem meditativen Zustand, in dem der Kopf endlich aufhört zu steuern. Und vielleicht ist die eigentliche Abgrenzung zwischen Mensch und Maschine genau das: dass wir fühlen, was wir tun. Dass wir Angst haben vor dem leeren Blatt. Dass wir Freude empfinden, wenn etwas gelingt. Dass wir einen Körper haben, der müde wird, der zittert, der atmet.
Die KI hat das nicht. Sie rechnet. Sie generiert. Sie weiß nicht, was sie tut. Aber vielleicht zeigt sie uns gerade deshalb, wie viel von unserem eigenen Schaffen wir auch nicht wissen. Wie viel davon aus einem Raum kommt, den wir nicht betreten können. Und vielleicht ist das die eigentliche Frage: Wie viel von dem, was wir erschaffen, kommt wirklich von uns – und wie viel kommt aus etwas, das größer ist als wir?
Wer mehr über die politische und historische Kritik der Künstlichen Intelligenz als Enteignung kollektiver Arbeit lesen möchte – Artificial Intelligence, or the Demonization of Mental Labor von Matteo Pasquinelli.
Peer Kriesel, 2026