Wer vor „Keine Kontinuität“ steht, erlebt eine paradoxe Spannung: Drei Bildtafeln, die eine Sequenz bilden – und zugleich deren Auflösung zeigen. Das dreiteilige schwarz-weiße Wimmelbild entwickelt eine neue Erzähllogik, die unser fragmentiertes Medienverhalten widerspiegelt. Fantasiefiguren, absurde Gebilde und surreale Szenerien wuseln, drängen, überlagern sich – nicht statisch, sondern in einer zeitlichen Abfolge, die an das serielle Erzählen digitaler Streaming-Plattformen erinnert.
Die Dreiteiligkeit ist programmatisch. Sie spiegelt wider, wie wir heute Geschichten konsumieren: in Episoden, Staffeln, Häppchen. Doch während Streaming-Dienste Kontinuität versprechen – die nächste Folge, der nächste Cliffhanger –, zeigt Kriesel das Gegenteil. Die drei Tafeln erzählen eine Sequenz, die sich selbst unterbricht, verweigert, auflöst. Geometrische Kreise in Acryl suchen Struktur in diesem Chaos. Das Weiß – scheinbar leer, tatsächlich bedrohlich – drängt gegen das filigrane Figurengewimmel und droht, es zu verschlucken.
Das Werk steht in der Tradition des Neosurrealismus: Wie einst Salvador Dalí oder Max Ernst das Unbewusste sichtbar machten, macht Kriesel die gesellschaftlichen Brüche unserer digitalen Gegenwart sichtbar. Eine Zeit, in der künstliche Intelligenz Inhalte generiert, digitale Identitäten verschwimmen und die Frage nach Kontinuität – in Erzählungen wie im Leben – zur Herausforderung wird.
„Keine Kontinuität“ begreift diese Brüche nicht als Endpunkt, sondern als Ausgangspunkt. Momente der Instabilität als Chance für neue Formen, neue Bedeutungen, neue Beziehungen. Das Werk lädt ein – aber nur wer sich die Zeit nimmt, die Sequenz zu durchdringen, darf die Brüche erkennen.